Der Winter im Allgäu wirkt auf viele grau und trostlos. Kein sattes Grün, keine leuchtenden Sonnenuntergänge, kein glitzernder See. Doch vielleicht liegt das Problem nicht in der Landschaft – sondern in unserer Erwartung.

Wenn der See verschwindet

Der Forggensee ist im Sommer Weite, Bewegung, Spiegelung. Im Winter sinkt das Wasser – und plötzlich entsteht eine neue Welt. Der Seegrund wird begehbar. Linien treten hervor. Strukturen, Risse, alte Baumstümpfe erscheinen.

Orte, die monatelang verborgen waren, werden sichtbar. Man kann dort stehen und fotografieren, wo sonst nur Tiefe war. Was im ersten Moment wie Verlust wirkt, ist in Wahrheit Offenbarung.

Grau ist kein Mangel

Der Winter erzählt leise. Er reduziert. Er vereinfacht. Er nimmt Farbe weg – und schenkt dafür Form. Wer nur nach Spektakel sucht, übersieht diese Schönheit. Wer bereit ist, genauer hinzusehen, entdeckt neue Blickwinkel – fotografisch wie innerlich.

Die eigentliche Perspektive

Im Buddhismus heißt es: Alles ist im Wandel. Der volle See ist nicht besser als der leere. Er ist nur eine andere Phase. Vielleicht gilt das auch für unser Leben. Phasen der Fülle wechseln sich ab mit Zeiten der Reduktion. Und gerade in der Reduktion zeigt sich oft das Wesentliche.

Ich habe im fast leeren Forggensee Bilder aufgenommen, die im Sommer unmöglich wären. Perspektiven, die nur existieren, weil etwas fehlt. Vielleicht ist die Landschaft nicht trostlos. Vielleicht brauchen wir nur neue Perspektiven.